Samstag, 12. August 2017

Als Kinder noch gedacht: Alles soll so bleiben!

Der Kindheit-Gedankenwelt und viele Veränderungen


Zusammengestellt von Georg Hainer



Der Rosterberg in Siegen mit seinen Straßen und Wäldern war unser Wohngebiet. (Fotos/ Repros (c) presseweller)


Als wäre es gestern, so denkt man an die Zeit, als wir noch Kinder und unbeschwert waren. „Weißt du noch, was wir damals beim Fußball für kleine Tore in der Straße hatten?“ fragt dann ein Spielkamerad von früher. „Früher“, das liegt in dem Fall gut 60 Jahre zurück. Und gar so viele, mit denen ich darüber sprechen kann, gibt es gar nicht mehr. Jedenfalls war Langeweile in unserer Kinderzeit kaum einmal angesagt. Nie habe ich damals erwartet, dass ich diese kleine Gasse inmitten des Hügels, umgeben von Gärten und Wäldern, jemals verlassen zu müssen. Es sei denn auf die Weise, wie es dem alten „Ohm“ genannten Nachbarn einstens ergangen war, der in einem großen hölzernen Behältnis aus dem Haus getragen wurde und fortan in „unserer Straße“ nicht mehr gesehen ward. Das Behältnis sei ein Sarg, erklärten uns die Eltern. Und weil der „Ohm“ schon so alt gewesen sei, noch älter als unsere Omas und der Opa, sei er verstorben, tot. Das wiederum bedeute, dass er hoch in den Himmel umziehen müsse, von wo er aber auf die Gasse am Hügel und all das Drumherum schauen könne. Irgendwie sei er aber noch bei uns, weil wir uns an manches erinnerten. Ja, wenn er früher aufs Motorrad vorm Haus stieg, er später schlurfend durch den Hof ging, der erste VW Käfer vor seiner Tür stand, wenn er morgens „Gon Morje“ – guten Morgen – sagte, und auch daran, dass er dann und wann einmal heftig schimpfte, wenn wir Kinder zu viert oder fünft vor dem Haus lauthals mit dem Ball tobten, der manches Mal in seinen Garten sprang.

Wenn wir Jungen und die Mädchen Kriegel und Verstecken spielten, bei „Vater wie weit ich darf ich reisen?“ eine Fußlänge, einen kleinen Schritt oder mehrere „bis nach Kreuztal“ vorwärts durften oder der Spielleiter bei „Ochs am Berge, eins, zwei, drei“ mal langsam und mal plötzlich ganz schnell sprach und dann trotzdem ein Kind so aufmerksam war, ihn ablösen zu können, dann war das für Joachim*, Klaus, Jörg, Berthold, Reiner, Rolf, Heinz, Josef und Eberhard, für Ilse, Annemarie, Bärbel und Waltraud (*alle Namen vom Autor frei gewählt) und mich eine freudige, hoffnungsfrohe Welt und eine Zeit, die am besten nie geendet hätte. Schließlich gab es noch mehr der Spiele im Freien wie Räuber und Gendarm, Klickern, Seilspringen und - mehr für die Mädels - Gummitwist. Als wir etwas älter und größer waren, gesellten sich Köppen, Fußball und Federball sowie ab und an Hockey mit alten Krückstöcken oder Latten dazu. 


Für uns Jungs stand bis weit in die Jugend Fußball auf dem Programm. Mädchen schoben auch gern ihren Puppenwagen oder den Kinderwagen mit "neuem" Schwesterchen oder Brüderchen. 


Während einige Mädchen stolz mit ihren schönen Puppenwagen durch die Straße flanierten, gab es hier und da einen einfachen Holzroller, später auch mit Ballonreifen, und Dreiräder. Da es nun einmal nicht immer schönes Wetter gibt, lernten wir nach und nach Brettspiele, von Mensch-ärgere-dich-nicht über Halma bis Mühle und Dame, und Kartenspiele wie Schwarzer Peter über Mau-Mau bis Skat, wir konnten Papier- oder später Kunststofffische angeln, die in einem Pappviereck „schwammen“, und Dominosteine anlegen sowie unser Geschick bei Mikado beweisen. In der Familie wurde mit Buntpapier gebastelt, so dass je nach Jahreszeit Girlanden oder Sterne fabriziert wurden, wie es Jahrzehnte später auch noch unsere eigenen Kinder machten und ihre Freude daran hatten. Wir versuchten, aus Lehm Figuren wie Kasperköpfe und Männchen herzustellen, was nicht schlecht gelang, und die Mädchen begannen, mit der Strickliesel kleine Sachen anzufertigen.

So soll's immer sein - Veränderungen aber unaufhaltsam

Unter uns war das Band der Freundschaft mal weiter und mal eng verknüpft, aber alle, Jungen und Mädchen, waren Spielkameraden, bei denen dennoch wie überall, wo Menschen zusammen sind, hier und da einmal ein Streit aufflammen konnte, der meist nach kurzer Zeit wieder gelöscht wurde, obwohl wir damals von den seit wenigen Jahren häufig gebrauchten Begriffen wie Achtsamkeit und Empathie noch nie etwas gehört hatten. Bei uns hieß das beispielsweise „andere grüßen“, „freundlich sein“, „nicht zanken“, „sich wieder vertragen“ sowie bei Spiel und Sport auf andere und sich aufpassen. Nun, meist waren wir gut, manchmal auch schlecht drauf, also nicht so gut gelaunt, und Trotz gehörte ebenfalls zu den Marotten, die Kinder durchleben. Insgesamt lebten wir dennoch zufrieden in unserer Gassenwelt, und da wir bereits bei Gottesdienstbesuchen mit den Eltern oder im Kindergottesdienst von Ewigkeit gehört hatten, waren wir froher Dinge, dass unser Leben so wie bisher, mit uns allen zusammen, weitergeht, ewig so bleibt. Das hatte leichte Einschränkungen, weil wir natürlich sehr gerne auch größer und älter werden wollten, wie unsere Brüder und Schwestern - das schien so vorgegeben zu sein, wenn wir die Älteren betrachteten.



Unsere "kleine Welt", die Glückaufstraße in Siegen, in den 1950er-Jahren und in den 2000er-Jahren. Lindenbäume sind noch immer da. 


Leben nimmt seinen Lauf

Das Spiel des Lebens läuft jedoch anders, als wir gedacht hatten und wofür niemand etwas konnte. Man nennt es auch „Lauf der Dinge“. Vielen bekannt ist das philosophische Wort „panta rei“, alles fließt, wie der Bach, der Fluss, zu dem sich immer wieder andere Wasser gesellen, der von der Quelle der Mündung zustrebt, um dann meist in einem Meer zu enden, wo noch andere gelandet sind, er als einzelner nicht mehr erkennbar ist. Doch seine Aufgaben hat er gehabt und hat sie weiterhin, weil er eben auch mit seinem Wasser die Ozeane füllt. Er war und ist es, der zur Wasserversogung beitrug, einst Mühlen und später Generatoren zur Stromerzeugung antrieb, der Menschen Freizeitspaß bringt, ob zum Baden oder Boot fahren und in dem sich Fische tummeln. Wasser ist ein Lebenselixier. Unser „Lebensfluss“ ändert ebenfalls bald die Richtung. Die Schulzeit ist nah. Für uns Kinder beginnt sie unterschiedlich, weil wir nicht alle das selbe Geburtsjahr hatten. Wenn nun auch die einen vormittags nicht mehr auf der Straße waren, so hielt das den nachmitttäglichen Spieldrang nicht auf, der bei den einen eben erst nach den Hausaufgaben begann.

Lebensänderung. 1. Schultag. Das macht noch Spaß mit der Tüte, und lernen wollten wir auch etwas. Der Stofflappen link zeigt, dass man noch auf Schiefertafeln schrieb. Abwischen. 

Noch mit Schiefertafeln

Zu meiner Kindheit gibt es in den meisten Häusern Familien mit mehreren Kindern. Es muss stets Zuversicht gegeben haben: Die einen wurden während des Krieges geboren, als Väter irgendwo im Einsatz waren und vielleicht zur Geburtstzeit einen Urlaubsschein erhielten. Andere erblickten danach das Licht der Welt, als es noch die „armen Zeiten“ gab, in denen vieles durch Bombardierungen zerstört war und es darum ging, jeden Tag genug zum Essen zu haben und wo dennoch die Hoffnung auf Wiederaufbau und bessere Zeiten keimte. 
Manche Geschwister sind daher dem Alter nach mehrere Jahre auseinander. Das hatte für uns "Nachgeborenen" seine Vorteile. Die Älteren helfen bei den Schularbeiten und geben Tipps. Praktisch: Da zuerst noch auf der Tafel mit einem dünnen Kreidestift, dem Griffel, geschrieben wurde, konnte Falsches abgewischt und wieder neu versucht werden, was zweifellos später im Heft schwieriger wurde. 


Noch mit Tafel und Griffel in den 1950ern. Mit der Schule beginnt ein anderer Lebensrhythmus: weniger Spielzeit.

Mit Bleistift konnte der Radierer noch helfen, was dennoch meist deutlich erkennbar war, später mit Füllfederhalter sah das alles schon problematischer aus. Aber so war und ist das nun einmal. Jetzt nach dem Jahre 2015 wird es vielleicht bald wieder ganz anders sein, dann tippt man nur noch die Buchstaben in die Tastatur ein und kann das, wenn falsch, sofort korrigieren. Auf dem Monitor des PC oder Tablets bleiben keine „Schleifspuren“ zurück! Wir lernten Schritt für Schritt sorgsam Lesen, Schreiben und Rechnen, wenn auch meist über 40 Schüler in einer Klasse waren.Da es rückblickend zu dieser Zeit zum Glück noch keine Experimente mit neuen Lern-, Schreib- und Rechenmethoden gab - wie später die so genannte Ganzheitsmethode, die unsägliche Mengenlehre usw. - konnten unsere ältere Geschwister uns bei den Hausaufgaben gut behilflich sein. Wir hatten auch noch Religion und Heimatkunde, damit wir erfuhren, was es in unserem Landstrich für Flüsse und Mittelgebirge gibt, unsere Heimat näher kennenlernten und später erkannten, wie gut das war, weil Heimat in Örtlichkeiten, Sprache, Kultur und in Erinnerung stets etwas Besonderes ist.

Durch die Schule waren bereits erste Veränderungen spürbar. Diejenigen, die die selbe Volksschule besuchten, sahen sich auch in der Klasse oder zumindest am Pausenhof, ansonsten kam man erst nachmittags zusammen. Warum? Die Schulen bei uns, Diesterweg und Hammerhütte, waren konfessionell angelegt. Zu weiteren Veränderungen kam es nach den Klassen 4 und 5: Manche blieben in der Volksschule, andere wechselten zur Realschule oder zum Gymnasium. Eventuell traf man dann den einen oder anderen dort wieder.


Spiele standen auch in der Jugendzeit noch auf dem Programm: Brettspiele wie Mensch-ärgere-dich-nicht, Mühle, später Schach und Kartenspiele, Skat inklusive.  

Nach der Schulzeit alles anders

Zwar wohnten wir noch alle in unserem Viertel, aber die Schulzeit zeigte einen ersten Lebenseinschnitt, durch den wir bereits ein gutes Stück entfernt von unserem Wunsch waren, dass es immer so bleiben möge wie in unserer früheren Kindheit. Mit dem Berufsleben kam das noch dicker. Nun war schon bald klar: Wie es früher war so immer, wird es nimmer. Das Leben geht dahin, und wir sind fest eingebunden in diesen geregelten und immerwährenden Alltag, der nur Ausnahmen in Ferien oder in Urlauben macht und weiterhin Begleiter sein wird – wie für Generationen vor und absehbar nach uns, weil wir lernen, dass man irgendwie „funktionieren“ muss, wie es neulich einmal die um die dreißigjahrige Mutter der jungen Familie ausdrückte: „Du musst fast jeden Tag 'Gas geben', damit alles läuft.“ Wie schön, dass das zu unserer Zeit noch nicht so ausgeprägt war, obwohl während der Kindheit die Väter oft noch samstags arbeiteten und wir auch samstags zur Schule gingen und es der Erinnerung nach dennoch weniger Hektik und Stress für alle gegeben hat. Wie ruhiger das Leben war - zumindest in der Erinnerung.

Weniger gemeinsam – Lehre und Studium

Abgesehen von unseren älteren Geschwistern, machten zu meiner Zeit Bertold und Heinz den Anfang. Sie waren die ersten, die nachmittags nicht mehr zu Spiel und Spaß zur Verfügung standen. Arbeit dauert bis zum späten Nachmittag. Das ging nach und nach nun reihum. Eventuell traf man sich am frühen Abend noch, aber auch nicht lange, weil das Berufsleben erst einmal ungewohnt war. Man war um die neun Stunden von zu Hause weg und musste je nach Arbeit wieder früh raus. Wenn man sich traf, erzählten die Lehrlinge, die schon lange Auszubildende oder „Azubis“ heißen, was so auf dem Programm stand. Je nach Lehre mal Feilen und Co., mal Ablage und Briefe schreiben – nur einmal verkürzt gesagt zu den verschiedenen Berufsfeldern. Gut war, dass alle „am Ort“ unterkamen. Firmen unterschiedlichster Ausrichtung, von Handwerk bis Industrie, und Verwaltung, gab es genug in Siegen und im Siegerland, sodass die meisten ihren Arbeitsplatz zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen konnten. In der etwas späteren Jugendzeit, als man sich ans Arbeitsleben oder das gegenüber früher intensivere Schulleben gewöhnt hatte, begann es dann, dass zumindest einige wenige an Wochenenden gemeinsam etwas unternahmen. 
Jungen und Mädchen unserer Straße waren seit der Pubertät, die wir natürlich ebenfalls durchlaufen mussten, kaum noch zusammen. Vielleicht hat sich im Einzelfall mal etwas Schwärmerisches von dieser oder jener Seite eingestellt, aber es wurde nie mehr. Alle, die mir bekannt sind, hatten bald Partner aus anderen Wohngebieten oder Orten, gemäß dem alten Spruch „Wo die Liebe hinfällt“.

Die Spielkameraden und Freunde von früher, die „Abitur in der Tasche“ haben, entschließen sich meist zum Studium. Sie ziehen nach Marburg, Bonn oder weiter und kommen auch nicht jedes Wochenende nach Hause. Wir sehen uns alle nur noch selten. Die Zeit rennt dahin. Nach Abschluss ziehen viele auch nicht mehr in ihren Heimatort. Eventuell verabredet man sich mal zu einem Treff, wenn sie vor Ort sind, oder besucht sich mal.

Viele neue Einschnitte

Jetzt sind wir am Ende von Lehre, Schul- und Studienzeit. Gegenüber unseren früheren Gemeinschaft hat sich bereits sehr viel verändert. Obwohl wir inzwischen alle über 18 Jahre jung sind, gehen nur noch einige wenige an Wochenenden gemeinsam aus, gemütlicher Treff in einer Gaststätte, die es damals noch an jeder Ecke gab oder auch einmal in die Disco und einige Male auch zum früher obligatorischen Spaziergang mit Einkehr am 1. Mai.
Neue Einschnitte kommen. Mit abgeschlossener Lehrausbildung in der Tasche und vom Betrieb übernommen, entscheiden sich einige dennoch, auswärts zu arbeiten. Das geht dann bis nach Norddeutschland, zum Beispiel Marine. Diejenigen, die ihr Studium abgeschlossen hatten, gingen häufig in andere Orte. Außerdem steht für junge Männer Bundeswehr auf dem Pflichtplan: Wehrdienstpflicht. Sie trat 1956 inkraft, die politischen Bemühungen dazu begannen bereits Jahre zuvor. (Details bei wikepedia und anderen Portalen). Das war zu einer Zeit, als viele unsere Väter, teils mit Verwundungen vom Krieg gezeichnet, sagten: „Nie wieder“. Wahrscheinlich gab es für die „Verteidigungs-Bundeswehr“ damals weltpolitische Gründe, vor allem wohl wegen der West-Ost-Trennung, was schon bald als „kalter Krieg“ bezeichnet wurde.

Von unserem früheren Wunsch „So sollte es immer sein“ war fast nichts mehr übrig geblieben, es war nur noch „Schnee von gestern“. Was wir uns in der Kindheit und unseren damaligen Vorstellungen noch gewünscht hatten, ist auf den Spuren des Lebens verblasst, es hat sich bereits zu diesem Zeitpunkt als Seifenblase erwiesen. Den Takt gaben und geben ständige Veränderungen, notwendige Anpassungen und Erfordernisse vor.



Nach und nach lernten wir, dass das Leben ein Buch mit vielen Seiten ist, mit mal lustigen und mal mit ernsten Geschichten, mal mit Kapiteln zu fröhlichen, mal zu traurigen Stunden.

Familiäre Dinge kommen auch

Irgendwann ist es soweit, dass mein Bruder heiratet. Damit verbunden ist allerdings auch, dass er wegzieht. Die Entfernung bis Geisweid ist so überschaubar, dass man sich öfter sehen kann. Aber eben nicht mehr täglich. Er hat mir beim Lernen geholfen, war stets da und hat auf mich aufgepasst, auch als ich schon älter war. Nach und nach konnte ich es überwinden, weil ich kurze Zeit später meine jetzige Frau kennenlernte und wir beide Paare stets viel gemeinsam unternommen haben. Auch die meisten anderen Kumpels von einst heiraten früh, haben die wichtigen familiären Interessen zu pflegen, viele ziehen um, weil in den meist kleineren Wohnungen oder Häusern der Platz nicht für zwei Familien reicht oder es im Wohngebiet nichts Passendes gibt.
Wohnungswechsel stand auch bei uns an, als ich noch bei den Eltern wohnte. Obwohl ich immer gerne in meiner Gasse, der Straße auf dem Rosterberg, bleiben wollte, kommt das mit 17 anders. Nach mehreren Anläufen wollen die Eltern nun endlich in eine neue größere, modernere Wohnung umziehen. Nicht so weit entfernt, immer noch am Fuße meines Hügels. Aber doch so völlig anders. Das Wohnen war komfortabler, und hier und da traf ich noch einen Kinderzeit-Genossen. Mit der eigenen Hochzeit kam dann nochmals eine Wohnänderung in die benachbarte Wohnsiedlung. Da nun alle früheren Kindheitsfreunde ihre eigenen Familien mit Kind oder Kindern hatten und andere weit entfernt wohnten, hatte sich vieles, nahezu alles, völlig verändert.

Wie der Lauf des Lebens geht: Opa, Omas und Tanten starben und dann irgendwann die eigenen Eltern, die wichtigster Teil der wunderschönen Kindheit waren. Schon früh verstarben mein Bruder und alte Straßenfreunde, Begleiter unbeschwerter Zeiten, von Spiel und Spaß. Den einen oder anderen der ehemaligen Spiel- oder Schulkameraden sieht man einmal hier und da und fragt: „Ist alles gut?“ „Im Großen und Ganzen, ja.“ Treffmöglichkeiten sind auch die Jubiläums-Konfirmationen und -Kommunionen. So ganz viel zu sagen hat man sich nicht mehr, weil jeder sein eigenes, völlig anderes Leben durchlaufen hat, weil die Lebensuhr ständig und unaufhaltsam bis zum Ende tickt.


Wäre schön gewesen
Die meist unbeschwerte Zeit der Kindheit können wir nicht festhalten. Die Zeit rennt dahin und fordert ihren Tribut, ist auf Zukunft und viele Veränderungen schon im nächsten Umfeld ausgelegt, Teil der Schöpfung, in der immer wieder neues Leben entsteht und altes verblasst. In diesem Kontext kann auch für uns persönlich der Wunsch „So möge es immer sein“ keinen Bestand haben. Oft schaffen wir als Teil aller Natur neues Leben, mal geht unseres zu Ende.
Dass alles ganz anders kommt, als wir uns das als Kinder erhofft und erträumt haben, ist Teil der Lebenszeit, zu dem sich nach und nach die Erfahrungen gesellen, in der wir die kindliche Unbeschwertheit hinter uns lassen, aber auch den Schatz der Erinnerungen bergen und versuchen, das Beste aus dem Lauf der Dinge zu machen. Das kleine Teil des Kindheitskuchens wird zur großen Erwachsenen-Torte mit vielen Stücken, die mal gut und weniger gut schmecken, mal zuckersüß, mal fruchtig oder herb sind.



Die Uhr läuft unerbittlich weiter, das Leben geht seinen Gang. 


Selbst, wenn wir im Himmel sind, wovon wir uns kaum reale Vorstellungen machen können, steht da noch das alte lateinische Wortspiel zweier Mönche nach der Frage, wie es da oben sein wird: Taliter aliter, "ganz anders". Das trifft aufs Leben zu: längst nicht so, wie einstens in der Kindheit gedacht oder gewünscht!


Alle, die eine wunderschöne Kindheit hatten, sollten es im Innern festhalten: „Was für eine Zeit, wie gut und schön, dass wir das erleben durften“. 

Freitag, 28. Juli 2017

Wald im lauen säuselnd Sommerwind



Mal wieder durch den Wald spazieren, tief die Duft-Luft einatmen und alle Sinne für Natur öffnen, zum Beispiel auf der Radschläfe am Rosterberg in Siegen. (Foto: presseweller)


Sie wiegen sich im Sommerwind,
Birke, Buche, Eiche, Fichte,
wie angenehm, das Lüftchen lind,
der Wald im glänzend Sonnenlichte.

Von Boden, Wald so fein der Duft,
ein Vogel krächzt, der andre tiriliert,
tief, tiefer atmen die gesunde Luft,
von Wald und Vögeln inspiriert.

Leicht federnd geh ich jeden Schritt
und fühl mich wie auf Daunen,
jeden Augenblick, den nehm ich mit,
der Wald versetzt in herzig Staunen.

Schon lang nicht nur die Flur spaziert,
ganz anders als in früh'ren Jahren,
und wenn darüber man sinniert,
fließt Erinnerung in Scharen.
Weiter säuselt nun der Sommerwind
durch Baum und Busch, die Luft so mild.

                                Georg Hainer

Donnerstag, 18. Mai 2017

Wie die Natur so spielt: Traum-Baum




Die Birke im morgendlichen Maiengrün. (Alle Fotos: presseweller)


Sonnenschein, dunkle Wolken und goldenes Licht


Es ist der 14. Mai 2017, der Muttertag. Kinder krabbeln etwas früher aus den Betten, damit sie ihre Basteleien für Mutti rechtzeitig aus den Verstecken holen können und helfen Papa etwas, den Frühstückstisch zu decken. Der Morgenhimmel bei uns in Siegen zeigt sich in feinem Blau mit einigen Schleierwölkchen, und die hohe, mächtige Birke im Nachbargarten, die uns Jahrzehnte Begleiterin ist, hat ihr schönstes Maiengrün-Kleid angelegt. Was für ein Tag! So begann es, und es blieb weitestgehend sonnig, was das Gemüt aufhellt und hier und heute passend zum Muttertag war. Schließlich haben es die Mütter dieser Welt verdient, dass es ein schöner Tag wird, ein kleines Dankeschön für alle ihre Mühen, Sorgen und Betreuung. Das Wetter am 14. Mai zeigt später sein Wechselspiel.  

Erst gegen Abend veränderte sich das Wetterbild: Dunkle Wolken zogen auf, der Himmel verdüsterte sich, Regentropfen, Grau in Grau. Sogar die Birke schien farblos zu sein. Doch das Gewölk hatte die Rechnung ohne die Sonne gemacht. Sie suchte sich eine Lücke, um noch einmal zu untermauern, dass sie heute gute Dienste getan hatte: „Hallo, ich bin noch da!“ Noch mehr als das, weil sie sich für nur knapp ein bis zwei Minuten in verschwenderischer Fülle zeigte und mit ihrer gelb-strahlenden Helligkeit zu einem furiosen Glanz-Höhepunkt ansetzte. Ja, wir hatten das Glück, just zu dieser Zeit aus dem Fenster zu schauen, Birke und den Wald am nahen Berg im goldenen Antlitz zu sehen, intensiv, prall, unbeschreiblich schön. Wir waren froh, das sehen zu können und hoffen, dass viele andere es ebenfalls erlebt haben, auch wenn es nur kurz währte.




Golden wirkt der Sonnenglanz auf Birke und Landschaft.


Mal so, mal so - Wie das Leben

Dann gewannen wieder die Wolken die Überhand, es dunkelte, Regen tropfte ans Fenster – und bald schon führte die Nacht das Regiment, aber nur bis zu einem neuen Morgen.

So spielt die Natur seit Ewigkeit und lässt uns bei all ihrer Macht auch immer wieder Schönes erleben. Ähnlich wie unser Gemüt und unsere Gefühle, die mal von Freude und mal von Traurigkeit beseelt sind, mal von Niedergeschlagenheit und mal von Hoffnung. Leben eben. Georg Hainer



Schon lässt das Wetter die Birke wieder „im Regen stehen“.


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Samstag, 13. Mai 2017

Schauen, sorgen, helfen: Mamas




Ein Gedicht, nicht nur zum Muttertag 


Mama, wie immer sie auch anders heißt,
wenn man durch die Welten reist,
ist doch vieles mehr als Name, Wort,
für Kinder dieser Welt ein Wohlfühl-Hort.

Behütet lange vor dem ersten Schrei,
in Mutters warmem Bauch wohlfeil.
Später erste Schritte, Worte, ja und da,
Mama sagen und Pa-pa.

Danach heißt es einfühlsam umsorgen,
bereiten auf das Leben, auf das Morgen.
Gut begleitet wächst das Kind heran,
bis später zum Erwachs'nen dann.

Bei Sorgen steht die Mama stets parat,
sie hilft, wie's geht, gibt guten Rat.
Schaut später man nach oben dann zurück,
erinnert man sich an der Kindheit Glück.
Danke, Mama, für Umsorgen, Rat und Tat,
dass mir im Leben oft geholfen hat!
                                            
                                                 Georg Hainer


Wohl wissend, dass es in meinem Umfeld häufig so war, aber wegen unterschiedlichster Begebenheiten wie Kriege und Unruhen sowie teils unschönen Scheidungs- oder Trennungsszenarien doch leider nicht immer so „traumhaft“ war und ist. Ich und viele andere meiner Generation sind froh, Mutter und Vater gehabt zu haben, die uns, trotz auch wirtschaftlich armer Zeiten, eine wunderschöne Kindheit und Jugend ermöglicht haben und die mit Rat und Unterstützung zur Seite standen. Danke Mama und Papa!!!!!!!!!! 

Dienstag, 9. Mai 2017

Kindheit – Orte der Glückseligkeit


Die Eichen in der Ähl in Siegen sind noch immer da, wecken Erinnerungen an so viele Begebenheiten. Am 25. April war übrigens "Tag des Baumes". (Fotos/ Repros: presseweller)


Heimat im Kopf/ Oft ist es heute noch so ähnlich wie bei uns früher in den 1950er-Jahren


Georg Hainer

Vielen bereitet es eine gute Portion Freude, hin und wieder einmal an ihre eigenen Kindertage zurückzudenken, vor allem, wenn man Wohnort, Straße und Wohnhaus wiedersieht, wo man die Kinderzeit oder einen Teil davon verbracht hat, umsorgt aufgewachsen ist und mit Freunden und Nachbarskindern gespielt hat. Für mich ist es Siegen, für andere vielleicht eine Großstadt oder für wieder andere ein heimeliges Dorf. Ist es heute auch seltener als früher, so leben doch manche noch genau dort, wo sie mit den Eltern ihre Kindheit verbracht haben: Heimat. Wenn wir uns auch in den alten Zeiten nicht verfangen dürfen, weil nun schließlich wieder eine andere von vielen Veränderungen geprägte Zeitspanne ist, in der wir allein oder vielleicht mit eigenen Kindern und/ oder Enkeln leben, so ist es doch stets schön, für mehr als einen Moment innehalten zu können, Erinnerungen ihren Lauf zu lassen und Zeit und Orten der gefühlten Glückseligkeit Raum zu geben.

Nun meint es unser Gedächtnis recht gut mit uns, weil es oft Unschönes verdrängt, das Angenehme, manchmal auch etwas rosarot verfärbt, in den Vordergrund rückt und unser Nachdenken „Weißt du noch?“ erhellt. Das ist hilfreich, wenn wir auch nicht davon verschont sind, dass die eine oder alte „Wunde aufreißt“ und das Erinnern einmal nachdenklich werden lässt. Alle tieferen Rückblicke sind kleine Pausen, in denen wir der seit den 2000er-Jahren ständig noch zunehmendem Schnelllebigkeit zwar nicht davonlaufen, aber ihr doch phasenweise entfliehen können.

Enkel regen an

In der Nachbarschaft sehen wir den vierjährigen Alexander*, wie er unbeschwert mit Nachbarkkindern auf der Wiese hinter dem Haus tollt und wie er sich ebenfalls freut, mit Mama oder Papa zu  spielen oder im Haus mit ihnen zu basteln, diese kindliche Unbeschwertheit hat, die wir direkt für uns nachfühlen können und die dann zum Teil bereits einen kleinen Einschnitt erlebt, wenn der regelmäßige Schulbesuch beginnt. Schließlich ist Alexander inzwischen schon über sechs Jahre. Da ist Britta, inzwischen fünf, die Enkelin von alten Freunden, die gerne bei den Großeltern ist, ab dem Krabbelalter alles Mögliche entdeckt, aber dennoch froh ist, wenn sie die Eltern bei sich hat. So ist es auch beim Enkel Luca, der bei aller Freude und herzhaftem Lachen beim Spiel mit der Oma gerne wieder am Rockzipfel der Mama hängt oder beim Papa auf den Arm will. Meine Generation sieht diese kindliche Unbeschwertheit leibhaftig eher bei den Enkeln; Die schönen Jahre mit den eigenen Kindern sind wie die eigene Kindheit Rückbesinnung.Lang ist's her.



Da gab es zur Kindheit einmal ein Dreirad. Klasse!

Spiel und Freude

„Das war unsere Straße“ oder „unser Hübbel“ sagen wir uns manchmal, wenn wir auf Siegener vom Rosterberg treffen. Wenige leben dort noch, viele sind weggezogen. So manche können wir nicht mehr persönlich sehen, weil sie nun von oben auf unser Wohnviertel schauen. Aber wenn wir diejenigen treffen, die noch am „Hübbel“ wohnen oder zu Besuch da sind, dann sind Kindheit und Jugend Themen. Es geht um die Zeit, als die Straße noch ein großer Spielplatz für Fußball und Federball war, wir Jungen und die Mädchen Kriegel und Verstecken und „Ochs am Berge eins, zwei, drei" spielten, wir mit dem ersten Holzroller und Dreirad gefahren sind, im Sommer auf der Gartenwiese im Zinkwännchen plantschten, uns ein kleines Zelt aus alten Militärplanen bauen konnten und Väter und Mütter bei Bedarf den Überblick behielten, wie die älteren Geschwister. Na klar, dass auch mal ein Kind hinfiel und Trost sowie eines Pflasters bedurfte und dass es auch einmal Gezänk mit Tränen gab, was aber schnell wieder vergessen war. Vor der Schulzeit, vor dem 6. Lebensjahr, gab es keine großartigen Verpflichtungen, außer, dass wir abends vor dem Dunkelwerden wieder „rein“ in die oft kleine aber gemütliche Wohnung mussten, um den Tag mit Abendbrot, ins Bett legen, Vorlesen und Beten zu beenden, egal, ob evangelisch oder katholisch. Was für erfüllte Tage in einem Umfeld, in dem das Einkommen gerade zum Wohnen und Essen reichte und erst nach und nach die Besserungen des „Wirtschaftswunders“ wirksam wurden, das wir von klein auf miterleben konnten!

Schule verändert den Alltag

Mit der Schulzeit gab es kleine Einschnitte: früher aufstehen, pünktlich und vormittags nicht zu Hause sein, Gut, dass die so gute Volksschule, die Diesterwegschule in der Rosterstraße, die zurzeit auch noch besteht, nur ein paar Gehminuten entfernt lag. In manchen anderen Wohngebieten war es ähnlich, manche mussten auch etwas weiter gehen. Die Politik hat inzwischen vieles und öfter verändert, von der Schulart bis zum Schulplatz. Den Lernstoff ebenso. Viel Gutes können so manche und wir diesen Neuerungen oder "Experimenten"  nicht abgewinnen. Wie dem auch sei. In der Klasse oder Parallelklasse waren auch die bekannten Kinder, je nach Geburtsdatum waren andere bereits ein Jahr früher eingeschult. Je nach Alter waren mindestens bis zur 4. oder 5. Klasse auch die älteren Geschwister da. In den ersten Jahren mussten wir meist bis mittags um 12 Uhr durchhalten. Lernen war ebenfalls angesagt - je nach Klasse wurden die Hausaufgaben immer mehr.
Mit dem Schulalltag lernten wir auch andere Kinder kennen, Es bildeten sich neue Bekanntschaften und Freundschaften. Mittags nahmen wir schon einmal einen mehrminütigen Umweg in Kauf, um ein Stück mit einem anderen Schüler oder einer Schülerin zu gehen und über dies und das zu sprechen oder sich für Fußball oder andere gemeinsame Unternehmungen zu verabreden.



Wald war nah, den kannten wir von Spaziergängen. Für uns galt es damals, ihn neu zu entdecken, kleine Abenteuer zu erleben.  

Wir fühlen uns wie Tarzan

Mit zunehmendem Alter entdeckten wir den - wie nahezu überall im Siegerland ganz nahen - Wald völlig neu. Den kannten wir von Sonntagsspaziergängen sowieso. Aber was man mit Wald und Bäumen noch anfangen kann, kam erst später. Erst so 1959, elf, zwölfjährig, durften wir alleine in unser Waldstück, die Ähl. Wir, Bertold, Heinz, Rolf, Wolfgang und teils noch andere, versuchten, Bäume zu erklettern: immer ein Stückchen höher in die große Eiche aufsteigen. „Weiter komme ich nicht“, hörten es die anderen dann von unten, die ihrerseits versuchten, Ast für Ast hoch zu klettern. Um den ersten dicken Hauptast, den Einstieg fürs Klettern, zu erreichen, waren ein Sprung und ein Klimmzug mit kurzer Bauchwelle erforderlich.
Zwar hatten die meisten Haushalte bei uns noch keinen Fernseher, aber es gab so kleine Heftchen wie „Tarzan“ und „Akim“. Die kosteten um die 20 Pfennige zu der noch alten guten D-Mark-Zeit. Die durften wir kaufen, mochte es auch aller späteren Pädagogik zuwider sein. Viele hatten auch Karl-May-Bücher zu Hause.
Es galt nun, das eine und andere daraus auszuprobieren. Zuerst versuchten wir, unseren Aufschwung zum ersten Baum-Ast zu perfektionieren. Das war nach ein paar Mal kein Ding mehr. Lianen gab es im Wald nicht. Aber! Birken sind biegsam. Eine große stand dicht neben der Eiche. Wenn wir ein bisschen auf einem oberen Eichenast zum Ende hinrutschten, konnten wir einen festen Birkenzweig fassen. Sollen wir oder nicht? Gesagt, getan! Ein Mutiger probierte es, und siehe da, er schwebte über das wiesige Gelände und konnte dann erdnah abspringen. Klar, dass es nun auch die anderen versuchten. Nach und nach nutzten wir Äste in verschiedenen Höhen und konnten ein Stück weit schweben, abenteuerlich: „Wir sind Tarzan“! Die Eltern haben es nicht mitbekommen, sonst wäre der Waldbesuch wohl gestrichen worden, passiert ist zum Glück nie etwas.



Wenn ich heute an diesen Ort zurückkomme, an dem unterhalb am Weg eine Bank steht, wo sich ältere Jugendliche abends trafen und gemeinsam zum Klang einer Gitarre fröhlich sangen und Jungen und Mädchen so manchen Abend verbrachten, um ein paar schöne Stunden zu erleben, dann holt mich alle Erinnerung wieder ein, weil gerade dieses Waldstück – neben vielen anderen Stellen in unserem Wohngebiet – einer der wichtigen Orte der Kindheit und frühen Jugend war, der tiefes Erinnern auslöst, das „Damals“ vor dem geistigen Auge lebendig werden lässt und eben für andere und mich ein „Ort der Glückseligkeit“ war und ist.
Nach diesen Erinnerungsausflügen kommt man schnell wieder im Hier und Jetzt an. Aber es mag viele geben, die Freude und Glücksempfinden bei diesen Träumereien haben, die auch den aktuellen Alltag verschönern, weil Glückseligkeit doch einfach nur schön ist.
*Alle Namen wurden geändert.

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Sonntag, 23. April 2017

Heimat – tief in Herz und Geist



Jeder hat seine eigene Heimat, hier in Siegen, wo Eichen und Linden sowie das Krönchen auf der Nikolaikirche Erinnerungen wecken. (Fotos/ Montage: presseweller)




Durch die alte Straße gehn,
ihr Name lange anders ist,
die früh'ren Häuser wiedersehn,
weil's ein Stück der Heimat ist.

Noch einige der alten Lindenbäume
stehn in Reih und Glied,
Erinnerung an Kindheitsträume,
doch die Zeit, sie mehr und mehr entflieht.

Ist die knorrig Eiche denn noch da,
wo wir geklettert , Zeit verbracht?
Auf Anhieb ich sogleich sie sah,
macht, das mir das Herze lacht.

Freunde, Kinder doch aus alter Zeit,
so viele schon gegangen sind,
das Herz empfindet Traurigkeit,
und der Heimat-Wind umweht mich lind.

Schaue hoch zum Himmelszelt,
danke, dass wir oft zusammen waren,
Weißt du noch, die Stimm' erzählt,
von unseren vielen wunderbaren Jahren?

Oh ja, viel Erinnrung ist noch da,
an das, was Heimat ist und immer war!
Ein jeder trägt sie doch in Herz und Geist,
erinnert sich der Heimat – jetzt und einst.

Georg Hainer

Samstag, 25. Februar 2017

Siegener Geschichten: Osterhasen allerorten


Es grünt: Die Ähl am Rosterberg war früher beliebt für Osterspaziergänge. (Fotos: (c) presseweller) 

Erzählung zu Osterfesten in den 1950er-/ -60er-Jahren 


Uns Kindern war es immer eine Lust, alleine durch die Siegener Wälder zu streifen oder mit Eltern und Bekannten Spaziergänge zu machen, bei denen wir die Freude an der Natur festigten und manches Neue entdecken oder erfahren konnten. Schließlich veränderte sich die Natur ständig, bewusst augenscheinlich aber alle paar Monate, so dass sich vor dem Grün der Fichten und Tannen die Birken, Buchen und Eichen mal in zartem, mal in intensivem hellen oder dunklen Grün und zur Herbstzeit mit gelben, roten, braunen Blättern in allen Zwischenfärbungen zeigten, dass die Augen Freudensprünge machten, solch einen Laub- oder Mischwald mit seiner Farbfülle zu sehen - alles geschenkt von Mutter Natur, die diesen gewaltigen Farbrausch inszeniert. Wir sahen Bäume mit Eicheln und Bucheckern sowie Tannen und Fichten, die voller Zapfen hingen – alles den Naturgesetzen um Leben und Überleben und weiterer Verbreitung der Art gewidmet, wie es seit Ewigkeit geht und weiter seinen Lauf nimmt. Die Veränderungen zu Herbst und Winter hin wiederum, wie man es uns erklärte, bewirke auch der natureigene Schutzmechanismus, wodurch die Laubbäume bald ihre Blätter fallen ließen, mit der sie sich ihrerseits gegen die Kälte wappneten und uns die Freude bescherten, durch raschelndes Laub zu gehen. Bei Schnee hatten freilich die Nadelbäume ihren Auftritt, weil ein tief verschneiter Tann, bei dem die üppigen Nadeläste in Weiß gekleidet sind, einfach festlich aussieht, erst recht, wenn es zur Weihnachtszeit ist. So ist einmal das ganze Waldjahr kurz gestreift, aber zur Osterzeit gab es in Kindheitstagen gleichwohl Besonderheiten, wie wir es bei den Spaziergängen im Wald ebenfalls erlebten.

Spannender Ostertag

Bereits einige Tage vor Ostern zogen wir mit Mutter oder Vater in den Wald. Es ging dabei nicht nur darum, von der frisch-würzigen Luft zu kosten, sondern vor allem darum, Moos zu sammeln. Hell-, dunkelgrün und dick wuchs das Moos an manchen Stellen, von dem wir einige schöne Batzen in einen Korb legten und mit nach Hause nahmen, weil daraus Nester entstehen sollten, Osternester, in denen der Hase einen Platz fand, um die bunten Eier abzulegen und vielleicht auch einmal ein Schokoladenhäschen. 



Aus weichem Moos lassen sich treffliche Osternester bauen!


An Ostersonntag nach dem Frühstück konnten wir es kaum abwarten, in Garten und Haus zu schauen, ob der fleißige Osterhase aus seiner Kiepe auch schon Eier in unsere Nester gelegt hatte. Wenn die Zeit dafür gekommen war und Mutter erst einmal am Fenster schaute, ob nun Meister Lampe seinen Dienst verrichtet hatte, wurde ihre Stimme aufgeregter: „Kommt schnell, er war da und geht weiter. Wenn ihr Glück habt, seht ihr ihn noch!“ Da war kein Halten mehr und wir stürmten ans Fenster. „Dahinten! Oh. Jetzt ist er weg!“ Wir wir uns auch bemühten: In den Blick bekommen haben wir ihn nie. Und so ging es unseren Kindern und wohl den späteren Kindergenerationen ebenfalls, weil der Hase einfach zu schnell ist oder nicht gesehen werden will. Es sind diese Geschichten und Legenden, die immer weiter in den Köpfen leben, Neugier, Spannung, Freude und hoffende Träume bereiten, Erzählungen, die schon unsere Eltern pflegten, von uns den eigenen Kindern weitergetragen, die sie wiederum ihren Kindern, unseren Enkeln, vermitteln und die damit ein ständiger Fortlauf der Traditionen und Erinnerungen sind und dem Kindersinn helfen, Eindrücke und Geschichten zu sammeln und zu bewahren und selbst auf Entdeckungen zu gehen. Damals hatten wir noch keinen Osterhasen-Pokemon, der eventuell für die Welt der Smartphones, Spiele und Apps noch kreiiert werden müsste. Oder doch eher nicht! Vielleicht gibt es das auch schon!?



Meist waren Osternester auch noch im Haus versteckt. Gefunden!

Bunte Tupfer im Wald

Für viele andere und uns war der Ostermorgen mit dem Kirchgang verbunden; in unserem Bereich waren das die Martinikirche, die Peter-und-Paul-Kirche, das Gemeindehaus am Rosterberg oder je nach Jahr auch noch die Johanneskirche auf der Eintracht, ein Stück neben dem eingefassten Teich im großen Park, den einst Leonhard Gläser der Stadt gestiftet hatte. Wie bereits am Vorabend zur Einläutung des Festes zur Osternacht und den Feiertagen schienen am Ostersonntagmorgen die Glocken noch intensiver zu klingen als sonst, festlicher, eindringlicher. Bald nach dem Gottesdienstbesuch freuten wir uns auf ein festliches Mittagessen, das in den 1950er-Jahren an solchen Feiertagen ganz anders als alltags war und auch noch ein Stück weit üppiger als sonntags, weil die Eltern sich etwas einfallen ließen, auch wenn die Einkommen in diesen Zeiten meist noch knapp waren und „täglich Fleisch“ nicht auf dem Wochen-Essensplan stand.
Nach der Nachmittagskaffeezeit hieß es „Raus in die Frühlingsnatur“. Die Luft war zur Osterzeit schon weit milder, als noch Wochen zuvor, doch konnte es noch frisch sein, je nach dem wann das Fest war, sodass das Sonntagsgewand noch um Pullover oder wärmendes Wämschen und Mütze bereichert wurde. Manchmal sogar versuchte der Winter noch eine Schneebresche in die zart blühende Landschaftswelt zu schlagen, was ihm meist aber nur kurz gelang, da er schließlich seine Zeit gehabt hatte und sich zumindest bis Ende Oktober zurückziehen musste, um dem steten Erwachen und Erblühen der Natur nicht im Wege zu stehen – so, wie es hierzulande im ständigen Kreislauf des Jahres und seiner Jahreszeiten vorgegeben ist.

Beim Osterspaziergang mit den Eltern lugte hier und da etwas Buntes hinter einem Baum hervor oder lag im leichten Gestrüpp: ein rotes, grünes oder gelbes Osterei, manches Mal auch eines in einer Braunfärbung, wofür färbender Zwiebelsud Pate stand. Keine Frage, dass hier der Osterhase mit seiner Kiepe umhergehoppelt war und üppig seine Fracht verteilt hatte. Üppig deshalb, weil auch andere Kinder, die vorher oder hinterher mit ihren Eltern über die Waldwege spazierten, mit Eiern bedacht worden waren oder wurden. Für jeden etwas. Und wenn wir in unseren Köpfchen darüber nachdachten und der Mutter sagten: „Mama, das ist wie vor Weihnachten wie beim Nikolaus, nur jetzt ist es früher“, dann musste sie schmunzeln: „Ja, so ähnlich ist es.“
Nun aber hatte der Osterhase seinen großen Auftritt in Gärten, Häusern und im Wald, und da er nie dabei gesehen wart, glänzte er auf seiner Bühne mit den gut gefüllten Nestern, die er  damals wie heute hinterließ. Vater und Mutter erzählten, wie fleißig er wäre und dass er alle Hände voll zu tun hätte, weil er schon vormittags in den Gärten und Häusern unterwegs sei und nachmittags in Wald und Flur und weil es schließlich doch allerorten Kinder gebe, die zum großen Christenfeste auf diese besonderen Eier warteten, die trefflich schmeckten, aber zum Teil auch noch einen Mitnutzen hatten.

Eier kippen und rollen

Die Ostereier waren zu mehr zu gebrauchen, als sie nur schnöde zu essen. Dieser Mitnutzen kam dann, wenn wir mit anderen Kindern die Eier „kippten“; so heißt das bei uns – und überall wieder anders -, wenn eine Art Härtetest gemacht wurde. Jeder hatte ein Ei in der Hand, und so schlug man es beim anderen an, zuerst an der Spitze, dann an der runden flacheren Stelle. Das ging abwechselnd. Welches hält? Im Normalfall musste das gesprungene Ei an den „Sieger“ abgegeben werden, auf jeden Fall aber wurden die zerdöpperten Eier gegessen. Manchmal hatte man ein Ei, dass alle Anstöße der anderen aushielt, und so mancher sagte sich dann: „Das ist so fest, das behalte ich mal noch für ein nächstes Spiel.“ So reihte es sich erst einmal in die Reihe der ungegessenen Eier ein. Wir ließen Eier auch kleine Hänge hinunterrollen, um zu sehen, welches am weitesten lief, und wir warfen auf Wiesen Eier in die Höhe oder, viel praktischer, über die Wäscheleine, wobei es wieder darum ging, welche Eier die Prozedur überstanden. Eier wurden gerne gegessen, weil sie ein wertvolles und gehaltvolles natürliches Nahrungsmittel sind. Und ist das Ei, wenn es befruchtet ist, nicht zugleich das Symbol neuen Lebens, irdisch vergänglich und wie die Frühjahrs-Natur immer erzählend vom ewigen Werden und Vergehen?



Hat es überstanden oder wurde es noch gar nicht "gekippt"?


Schon die Eltern erzählten uns damals, wie deren Eltern und unsere Großeltern wohl auch, dass Ostern ein großes Fest der Christenheit ist, weil Jesus' Auferstehung gefeiert wird, wobei wir unserem christlichen Glauben nach in den Zyklus von Palmsonntag an über Karfreitag eingebunden waren, von Einzug, Abendmahl, Kreuzigung und Tod bis zur Wiederauferstehung. Nach dem besonderen Fasttag an Karfreitag hatte mit Ostern die Fastenzeit ein Ende, an die sich die einen mehr und die anderen etwas weniger hielten, wobei denn doch zumindest an Karfreitag Fastengerichte, häufig mit Fisch in durchaus leckeren Zubereitungen, auf dem Tisch standen, Und so war es für viele ein Wohlgefühl, spätestens ab Ostersonntag wieder ein üppigeres Mahl kosten zu können. 


In der Schulzeit erfuhren wir, dass das Wort Ostern wohl auf den Namen einer germanischen Frühlingsgöttin, Ostara, zurückzuführen ist, was aber nicht eindeutig ist, dass Menschen jüdischen Glaubens um die Osterzeit das Passahfest (heute oft auch als Pessach bezeichnet) feierten. Zur Osterzeit gibt es viele Bräuche wie die Osterfeuer und geschmückte Brunnen, weil Wasser ein Zeichen des Lebens ist, Osterlämmer und vieles mehr. Ostern ist ein „bewegliches“ Fest, das je nach Art einen anderen Termin hat, jahreszeitlich doch stets mit dem Frühling verbunden, dem Erwachen der Natur. (Georg Hainer)

In diesem Blog sowie auch über die Webseite http://www.buch-juwel.de lassen sich zahlreiche Gedichte und Geschichten sowie mehrseitige Magazine ohne Anmeldung aufrufen. Ein Teil dieser Erzählung ist für die Ausgabe 4 der Reihe "Früher in Siegen" vorgesehen. Mit diesem Beitrag sollten beim Verlag auch frühere Erzählweisen wieder eingeführt werden.